Arnold Schönberg an C. F. Peters
19. Oktober 1911
Berlin-Zehlendorf, Wannseebahn
Villa Lepcke
19. Oktober 1911
Sehr geehrter Herr, wollen Sie entschuldigen, daß
ich Ihren mich sehr erfreuenden Brief erst heute be-
antworte. Meine Uebersiedlung nach Berlin nahm
meine Zeit so in Anspruch, daß ich nicht dazu kam.
ich Ihren mich sehr erfreuenden Brief erst heute be-
antworte. Meine Uebersiedlung nach Berlin nahm
meine Zeit so in Anspruch, daß ich nicht dazu kam.
Ich bin augenblicklich an die Universal-
Edition gebunden, kann deshalb jetzt noch nicht
über meine Werke frei verfügen. Aber ich
habe Hoffnung einige Werke freizubekommen.
Denn erstens muß sich die Univ. Ed. bis Ende
December entschieden haben, welche der ihr
zur Verfügung stehenden Werke sie erwirbt.
Zweitens handelt es sich um so viele zum Teil
umfangreiche Werke, daß ich selbst es kaum
für möglich halte, daß die Univ. Ed., die ja
jetzt einiges von mir herausbringt, alle
erwerben kann. Drittens aber hoffe ich mir
von der persönlichen Liebenswürdigkeit
des Direktors Hertzka, daß er mich für einige
Werke früher freigiebt. Und zwar
kommen hierfür soviel ich glaube folgende Werke
in Betracht:
| 1. | Kammersinfonie für 15 Solo-Instrumente
(eventuell Streicher mehrfach besetzt, also kleines Orchester.) cirka 100 Partiturseiten) |
| 2. | George Lieder für Gesang und Klavier
cirka 35 Seiten |
| 3. | Orchesterstücke (fünf kurze) zirka 60 Seiten |
allenfalls noch
| 1 Heft Lieder | letzteres aber wenig wahrscheinlich |
| 2 Balladen und | |
| 6 kurze Klavierstücke |
Nun muß ich Sie aber um etwas bitten.
Ihnen ist vielleicht nicht bekannt, daß meine
Musik im Notenbild so ungewöhnlich aus-
sieht, daß die besten Musiker sich keine
Vorstellung vom Klang und von der Wir-
kung machen können. Sogar Gustav Mahler
äußerte über mein II. Quartett „er könne diese
vier Zeilen nicht lesen“. – Natürlich die
jungen Musiker spielen meine Sachen
nun schon wieder vom Blatt. – Ich
Ihnen ist vielleicht nicht bekannt, daß meine
Musik im Notenbild so ungewöhnlich aus-
sieht, daß die besten Musiker sich keine
Vorstellung vom Klang und von der Wir-
kung machen können. Sogar Gustav Mahler
äußerte über mein II. Quartett „er könne diese
vier Zeilen nicht lesen“. – Natürlich die
jungen Musiker spielen meine Sachen
nun schon wieder vom Blatt. – Ich
wollte nun mit dieser langen Erklärung Ihnen
nur sagen, daß (bitte das nicht als Hochmuth auf-
zufassen, ich konstatiere nur eine Tatsache)
man meine Sachen eigentlich ohne sie anzu-
schauen, bloß aus Vertrauen zu dem Menschen,
der aus ihnen spricht, erwerben muß, weil
die Urteile der Musiker daran gewöhnlich ver-
sagen. Sehr einfach: Die wenigsten haben
wie Mahler den Mut einzugestehen, daß
sie das nicht lesen können und verurteilen
ein Werk, das sie gar nicht kennen.
Ich bin natürlich bereit, Ihnen die betreffenden
Werke zur Ansicht zu schicken. Aber
ich wollte nur dem vorbeugen, daß irgend
ein „noch so guter Musiker“ sich unnötig
daran die Zähne ausbeißt, ohne doch auf den
Kern zu gelangen.
Es würde mir nämlich eine Ablehnung
meiner Werke durch Sie bei der Univ. Ed.,
die ja manches für mich tut, aber leider
etwas ängstlich ist, schaden. Deshalb will
ich vielleicht erst Ihnen die Noten schicken und
Ich bitte Sie nun mir mitzuteilen:
| I. | Soll ich die drei erstgenannten Werke
senden? |
| II. | Soll ich sofort dann die Univ. Ed.
ersuchen mich freizugeben, oder |
| III. | erst warten, bis Sie die Noten ge- sehen haben und sich prinzipiell für das eine oder andere Werk erklärt haben; oder |
| IV. | Soll ich überhaupt erst bis zum
1. Januar warten, wo einiges sicher frei- wird und behalten Sie mir bis dahin Ihr freundliches Interesse? |
Ihrer baldigen freundlichen Antwort ent-
gegensehend bin ich in vorzüglicher Hoch-
achtung ergebenst Arnold Schönberg
Sehr geehrter Herr, wollen Sie entschuldigen, daß
ich Ihren mich sehr erfreuenden Brief erst heute beantworte. Meine Uebersiedlung nach Berlin nahm
meine Zeit so in Anspruch, daß ich nicht dazu kam.
Ich bin augenblicklich an die Universal-
Edition gebunden, kann deshalb jetzt noch nicht
über meine Werke frei verfügen. Aber ich
habe Hoffnung einige Werke freizubekommen.
Denn erstens muß sich die Univ. Ed. bis Ende
December entschieden haben, welche der ihr
zur Verfügung stehenden Werke sie erwirbt.
Zweitens handelt es sich um so viele zum Teil
umfangreiche Werke, daß ich selbst es kaum
für möglich halte, daß die Univ. Ed., die ja
jetzt einiges von mir herausbringt, alle
erwerben kann. Drittens aber hoffe ich mir
von der persönlichen Liebenswürdigkeit
des Direktors Hertzka, daß er mich für einige
Werke früher freigiebt. Und zwar
kommen hierfür soviel ich glaube folgende Werke
in Betracht:
| 1. | Kammersinfonie für 15 Solo-Instrumente
(eventuell Streicher mehrfach besetzt, also kleines Orchester.) cirka 100 Partiturseiten) |
| 2. | George Lieder für Gesang und Klavier
cirka 35 Seiten |
| 3. | Orchesterstücke (fünf kurze) zirka 60 Seiten |
allenfalls noch
| 1 Heft Lieder | letzteres aber wenig wahrscheinlich |
| 2 Balladen und | |
| 6 kurze Klavierstücke |
Nun muß ich Sie aber um etwas bitten.
Ihnen ist vielleicht nicht bekannt, daß meine
Musik im Notenbild so ungewöhnlich aussieht, daß die besten Musiker sich keine
Vorstellung vom Klang und von der Wirkung machen können. Sogar Gustav Mahler
äußerte über mein II. Quartett „er könne diese
vier Zeilen nicht lesen“. – Natürlich die
jungen Musiker spielen meine Sachen
nun schon wieder vom Blatt. – Ich
wollte nun mit dieser langen Erklärung Ihnen
nur sagen, daß (bitte das nicht als Hochmuth aufzufassen, ich konstatiere nur eine Tatsache)
man meine Sachen eigentlich ohne sie anzuschauen, bloß aus Vertrauen zu dem Menschen,
der aus ihnen spricht, erwerben muß, weil
die Urteile der Musiker daran gewöhnlich versagen. Sehr einfach: Die wenigsten haben
wie Mahler den Mut einzugestehen, daß
sie das nicht lesen können und verurteilen
ein Werk, das sie gar nicht kennen.
Ich bin natürlich bereit, Ihnen die betreffenden
Werke zur Ansicht zu schicken. Aber
ich wollte nur dem vorbeugen, daß irgend
ein „noch so guter Musiker“ sich unnötig
daran die Zähne ausbeißt, ohne doch auf den
Kern zu gelangen.
Es würde mir nämlich eine Ablehnung
meiner Werke durch Sie bei der Univ. Ed.,
die ja manches für mich tut, aber leider
etwas ängstlich ist, schaden. Deshalb will
ich vielleicht erst Ihnen die Noten schicken und
dann an die Univ. Ed. herantreten und sie
ersuchen mich freizugeben.
Ich bitte Sie nun mir mitzuteilen:
| I. | Soll ich die drei erstgenannten Werke
senden? |
| II. | Soll ich sofort dann die Univ. Ed.
ersuchen mich freizugeben, oder |
| III. | erst warten, bis Sie die Noten ge sehen haben und sich prinzipiell für das eine oder andere Werk erklärt haben; oder |
| IV. | Soll ich überhaupt erst bis zum
1. Januar warten, wo einiges sicher frei wird und behalten Sie mir bis dahin Ihr freundliches Interesse? |
Ihrer baldigen freundlichen Antwort ent
gegensehend bin ich in vorzüglicher Hochachtung ergebenst
19. Oktober 1911
Sächsisches Staatsarchiv (Leipzig)
Leipzig
21070 C. F. Peters
Nr. 2052
Leipzig
21070 C. F. Peters
Nr. 2052
Brief
Zitierhinweis:
Arnold Schönberg an C. F. Peters, 19. Oktober 1911, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit C. F. Peters. Hrsg. von Florian Giering. Version 1.0 vom 02.04.2025. URL: https://www.schoenberg-peters.at/cfp/letters/letter.7725.