Arnold Schönberg an C. F. Peters
14. Januar 1915
14/1.1915
Sehr geehrter Herr, zur Publikation des II. Orchesterstückes für Harmonium
„ohne den Mittelsatz“ kann ich Ihnen meine Zustimmung nicht geben. Ich kann
mir gar nicht erklären, wie Herr Karg-Elert, der ein ausgezeichneter Musiker
ist, auf eine solche Idee kommt. Das ist ja eine Verstümmelung sondergleichen;
eine Kriegs-Idee! So hausen die Russen in Ostpreußen! Nein, seien Sie mir nicht
bös, aber das geht keinesfalls so. Entweder vollständig oder gar nicht. Aus einem
Kunstwerk kann man nicht Teile herausnehmen und geht eben nicht das Ganze, dann
gar nicht. Es würde Ihnen ja auch nicht einfallen, etwa die Götterdämmerung
für Guittarre herauszugeben und die „schweren“ Stellen auszulassen.
„ohne den Mittelsatz“ kann ich Ihnen meine Zustimmung nicht geben. Ich kann
mir gar nicht erklären, wie Herr Karg-Elert, der ein ausgezeichneter Musiker
ist, auf eine solche Idee kommt. Das ist ja eine Verstümmelung sondergleichen;
eine Kriegs-Idee! So hausen die Russen in Ostpreußen! Nein, seien Sie mir nicht
bös, aber das geht keinesfalls so. Entweder vollständig oder gar nicht. Aus einem
Kunstwerk kann man nicht Teile herausnehmen und geht eben nicht das Ganze, dann
gar nicht. Es würde Ihnen ja auch nicht einfallen, etwa die Götterdämmerung
für Guittarre herauszugeben und die „schweren“ Stellen auszulassen.
Was soll ein Mensch der Kunst- und Form-Gefühl hat denken, wenn er
so etwasein Stück hört? Das giebt ja keinen Sinn mehr! Da muss man unbedingt einen
falschen Eindruck vom Stück bekommen!!
so etwasein Stück hört? Das giebt ja keinen Sinn mehr! Da muss man unbedingt einen
falschen Eindruck vom Stück bekommen!!
Schade, daß Herr K.-E. sich nicht an mich gewendet hat. Ich hätte ihm geraten,
doch lieber das 3. oder 5. Stück zu machen, die man ganz bringen kann.
Mir fällt eben ein Ausweg ein. Wenn Sie den abzeptieren, so geht es. Der
sogenannte „Mittelteil“ muß dabei sein; aber er könnte in kleinerem
Stich in ein bis zwei Zeilen über dem Harmonium-Arrangement, das dann sehr unvollständig ist sein dürfte die ausgelassenen
Stimmen stehen. Eventuell könnte auch das obere so gesetzt sein, daß man es
auf dem Klavier, oder einem 2. Harmonium dazu spielen kann. Oder vielleicht
den ganzen Mittelteil (oder das [...] ganze Stück) für Harmonium 4händig!
Unten kann dann eine Anmerkung stehen, die erklärt, daß diese Partie
sich nicht für Harmonium 2hdg setzen läßt. Das sind ja eine Menge Aus-
wege. Ich hielte das Arrangement für 4-Hde des ganzen Stückes für den
besten Ausweg, weil er etwas giebt, daß als Ganzes etwas ist. Der Musiker
hat, wenn die beiden Partien übereinander gedruckt sind, die Möglichkeit,
doch lieber das 3. oder 5. Stück zu machen, die man ganz bringen kann.
Mir fällt eben ein Ausweg ein. Wenn Sie den abzeptieren, so geht es. Der
sogenannte „Mittelteil“ muß dabei sein; aber er könnte in kleinerem
Stich in ein bis zwei Zeilen über dem Harmonium-Arrangement, das dann sehr unvollständig ist sein dürfte die ausgelassenen
Stimmen stehen. Eventuell könnte auch das obere so gesetzt sein, daß man es
auf dem Klavier, oder einem 2. Harmonium dazu spielen kann. Oder vielleicht
den ganzen Mittelteil (oder das [...] ganze Stück) für Harmonium 4händig!
Unten kann dann eine Anmerkung stehen, die erklärt, daß diese Partie
sich nicht für Harmonium 2hdg setzen läßt. Das sind ja eine Menge Aus-
wege. Ich hielte das Arrangement für 4-Hde des ganzen Stückes für den
besten Ausweg, weil er etwas giebt, daß als Ganzes etwas ist. Der Musiker
hat, wenn die beiden Partien übereinander gedruckt sind, die Möglichkeit,
es zu lesen und ein zweiter Harmoniumspieler (dessen Stimme ja
leichter sein darf und viele Pausen haben darf) findet sich wohl immer.
Sagen Sie Herrn K. E. meinen Vorschlag. Er wird sicher einsehen, wie
unrecht er hatte und wie recht ich habe!
Ob ich Ihnen, nachdem ich diesen Plan zu zerstören gezwungen bin, noch
meine Liste senden soll, ist mir nicht ganz klar. Aber ich hoffe, daß Sie
meinen Standpunkt anerkennen und einsehen, daß ein Mensch, der
wie ich die größten Opfer gebracht hat um seinen Standpunkt festzuhalten,
auch in diesem Punkt Fall nicht ein künstlerisches Interesse verraten darf.
So sende ich Ihnen also die Liste. Ich habe alles, um was ich Sie bitten wollte darauf
gelassen, und bitte Sie –, wenn Ihnen das Ganze zu viel scheint, die Auswahl
nach folgendem Gesichtspunkt zu treffen.
meine Liste senden soll, ist mir nicht ganz klar. Aber ich hoffe, daß Sie
meinen Standpunkt anerkennen und einsehen, daß ein Mensch, der
wie ich die größten Opfer gebracht hat um seinen Standpunkt festzuhalten,
auch in diesem Punkt Fall nicht ein künstlerisches Interesse verraten darf.
So sende ich Ihnen also die Liste. Ich habe alles, um was ich Sie bitten wollte darauf
gelassen, und bitte Sie –, wenn Ihnen das Ganze zu viel scheint, die Auswahl
nach folgendem Gesichtspunkt zu treffen.
Ich habe die Werke, die mir am Wichtigsten sind mit I, die nächsten
mit II. die am wenigsten nötigen mit III bezeichnet. Ich will erwähnen,
daß ich Sie nur um Werke bitte, die ich zu Studienzwecken benötige und weil ich
sie nicht oder wenig kenne.
mit II. die am wenigsten nötigen mit III bezeichnet. Ich will erwähnen,
daß ich Sie nur um Werke bitte, die ich zu Studienzwecken benötige und weil ich
sie nicht oder wenig kenne.
Ich hoffe bald Ihre freundliche Antwort zu
erhalten und empfehle mich mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst Arnold Schönberg
erhalten und empfehle mich mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst Arnold Schönberg
14/1.1915
Sehr geehrter Herr, zur Publikation des II. Orchesterstückes für Harmonium
„ohne den Mittelsatz“ kann ich Ihnen meine Zustimmung nicht geben. Ich kann
mir gar nicht erklären, wie Herr Karg-Elert, der ein ausgezeichneter Musiker
ist, auf eine solche Idee kommt. Das ist ja eine Verstümmelung sondergleichen;
eine Kriegs-Idee! So hausen die Russen in Ostpreußen! Nein, seien Sie mir nicht
bös, aber das geht keinesfalls so. Entweder vollständig oder gar nicht. Aus einem
Kunstwerk kann man nicht Teile herausnehmen und geht eben nicht das Ganze, dann
gar nicht. Es würde Ihnen ja auch nicht einfallen, etwa die Götterdämmerung
für Guittarre herauszugeben und die „schweren“ Stellen auszulassen.
Was soll ein Mensch der Kunst- und Form-Gefühl hat denken, wenn er
so ein Stück hört? Das giebt ja keinen Sinn mehr! Da muss man unbedingt einen
falschen Eindruck vom Stück bekommen!!
Schade, daß Herr K.-E. sich nicht an mich gewendet hat. Ich hätte ihm geraten,
doch lieber das 3. oder 5. Stück zu machen, die man ganz bringen kann.
Mir fällt eben ein Ausweg ein. Wenn Sie den abzeptieren, so geht es. Der
sogenannte „Mittelteil“ muß dabei sein; aber er könnte in kleinerem
Stich in ein bis zwei Zeilen über dem Harmonium-Arrangement, das dann sehr unvollständig sein dürfte die ausgelassenen
Stimmen stehen. Eventuell könnte auch das obere so gesetzt sein, daß man es
auf dem Klavier, oder einem 2. Harmonium dazu spielen kann. Oder vielleicht
den ganzen Mittelteil (oder das
ganze Stück) für Harmonium 4händig!
Unten kann dann eine Anmerkung stehen, die erklärt, daß diese Partie
sich nicht für Harmonium 2hdg setzen läßt. Das sind ja eine Menge Auswege. Ich hielte das Arrangement für 4-Hde des ganzen Stückes für den
besten Ausweg, weil er etwas giebt, daß als Ganzes etwas ist. Der Musiker
hat, wenn die beiden Partien übereinander gedruckt sind, die Möglichkeit,
es zu lesen und ein zweiter Harmoniumspieler (dessen Stimme ja
leichter sein und viele Pausen haben darf) findet sich wohl immer.
Sagen Sie Herrn K. E. meinen Vorschlag. Er wird sicher einsehen, wie
unrecht er hatte und wie recht ich habe!
Ob ich Ihnen, nachdem ich diesen Plan zu zerstören gezwungen bin, noch
meine Liste senden soll, ist mir nicht ganz klar. Aber ich hoffe, daß Sie
meinen Standpunkt anerkennen und einsehen, daß ein Mensch, der
wie ich die größten Opfer gebracht hat um seinen Standpunkt festzuhalten,
auch in diesem
Fall nicht ein künstlerisches Interesse verraten darf.
So sende ich Ihnen also die Liste. Ich habe alles, um was ich Sie bitten wollte darauf
gelassen, und bitte Sie –, wenn Ihnen das Ganze zu viel scheint, die Auswahl
nach folgendem Gesichtspunkt zu treffen.
Ich habe die Werke, die mir am Wichtigsten sind mit I, die nächsten
mit II. die am wenigsten nötigen mit III bezeichnet. Ich will erwähnen,
daß ich Sie nur um Werke bitte, die ich zu Studienzwecken benötige und weil ich
sie nicht oder wenig kenne.
Ich hoffe bald Ihre freundliche Antwort zu
erhalten und empfehle mich mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst
erhalten und empfehle mich mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst
14. Jänner 1915
Sächsisches Staatsarchiv (Leipzig)
Leipzig
21070 C. F. Peters
Nr. 2052
Leipzig
21070 C. F. Peters
Nr. 2052
Brief
Zitierhinweis:
Arnold Schönberg an C. F. Peters, 14. Januar 1915, in: Arnold Schönberg: Briefwechsel mit C. F. Peters. Hrsg. von Florian Giering. Version 1.0 vom 02.04.2025. URL: https://www.schoenberg-peters.at/cfp/letters/letter.7751.